20. August 2021

PTQZ aktuell Q3 Online-Ausgabe: Interview mit Dr. Til Uebel


Patienten endlich individuell sehen!

PTQZ aktuell  |  Q3 2021

Dr. Til Uebel hat bereits an vielen Leitlinien mitgewirkt und war als Sprecher der AG Diabetes der DEGAM an der Entstehung der neuen Nationalen VersorgungsLeitlinie (NVL) Typ-2-Diabetes und einem Addendum der DEGAM beteiligt. Beide wurden im März 2021 veröffentlicht und liefern nicht nur für Hausärzte wichtige Informationen für die Therapie von Diabetespatienten (s. Beitrag ab S. 9). Wir blicken hinter die Kulissen und fragen nach seinen persönlichen Motiven der Leitlinienarbeit.

Lieber Herr Dr. Uebel, was ist das Besondere für Sie an dieser NVL?
Die Annäherung der Fachgesellschaften! Noch bei der letzten Auflage waren die Fronten verhärtet, heute sind sich alle zu den meisten Fragestellungen einig. Zum Beispiel wird der unverhältnismäßig hohe Einsatz von Insulin von den rund 40 beteiligten Fachgesellschaften gleichermaßen gegeißelt. Die Einordnung alter Stoffgruppen hat sich angenähert: Gliptine finden kaum mehr Beachtung und Sulfonylharnstoffe wurden faktisch rehabilitiert, auch wenn sie eine Stoffgruppe bleiben, deren gefährlichste Nebenwirkung, die Hypoglykämie, beachtet werden muss. Der Hypoglykämievermeidung widmen sich viele Passagen in der Leitlinie. Auch aus diesem Grund steht die Insulintherapie und insbesondere intensivierte Insulin- Therapien auf dem allerletzten Platz der Empfehlungen.

Was reizt sie persönlich, an Leitlinien mitzuwirken?
Mein persönlicher Nutzen ist sicherlich, den Überblick zu behalten. Als einer der ersten von relevanten Änderungen zu erfahren, kann zufrieden machen. Aber auch festgefahrene Denkstrukturen aufzubrechen, ist ein Anreiz. Die Chance, interessensgeleitete Empfehlungen als solche aufzudecken oder gemeinsam mit anderen über Bord zu werfen, ist ein Teil meines ärztlichen Selbstverständnisses und explizites Ziel der DEGAM.

Worin besteht der hausärztliche Mehrwert der neuen NVL?
Das man jetzt kein schlechtes Gewissen mehr zu haben braucht, auch wenn man schon zuvor wusste, dass HbA1c-Werte bis 8,5% ohne Gefahren für unsere Patienten toleriert werden können. Dass eine Polymedikation eben auch ein Problem darstellt. Dass man schwarz auf weiß nachlesen kann, dass man bei erreichten Stoffwechsel- und Therapiezielen deeskalieren soll. Und vor allem, dass das HbA1c-zentrierte Weltbild relativiert wurde, die Patienten endlich wieder individuell gesehen werden können und behandelt werden müssen.

Was wünschen Sie sich für die Umsetzung der NVL in den Hausarztpraxen?
Dass die unerklärlichen Massen an Medikamenten zurückgefahren werden, insbesondere die gefährlichen Insulinmengen, die niemandem nutzen. Dass bei der Verordnung der „neuen Substanzen“ nicht das gleiche passiert, was nach der letzten Leitlinie mit der Verordnung von Gliptinen geschehen ist. Diese neuen Medikamente, insbesondere Empagliflozin und Liraglutid, die anders als die Gliptine und Glitazone mehr als eine Nischenindikation besitzen und eben nicht verzichtbar sind, also wirklich einen relevanten Platz in der Therapie gefunden haben, richtig und zielgerichtet eingesetzt werden und nicht nach dem Gießkannenprinzip eben mal allen verordnet werden. Und natürlich, dass das erste Kapitel gelesen wird. Es wird ein enormer Umdenkprozess gefordert von uns Ärzten und Ärztinnen samt unserer Teams, Menschen in ihrer individuellen Lage zu verstehen und deren Entscheidung auch anzunehmen; dies fällt der Behandlerseite unglaublich schwer. Es wäre wunderbar, wenn wir wirklich - wie es die erste Empfehlung in der NVL fordert - initial und wiederholt im Erkrankungsverlauf gemeinsam individuelle Therapieziele vereinbaren und priorisieren, anstelle wie in so vielen Schulungen üblich, mit Folgeerkrankungen zu drohen und unmögliche Verhaltensänderungen einzufordern. Und ich wünsche mir, dass endlich realisiert wird, dass Diabetes in weiten Teilen keine Erkrankung, sondern ein Risikofaktor darstellt, der im Alter ab- und nicht zunimmt und schon gar nicht mit ausufernden HbA1c-Senkungs-Strategien zu verhindern ist.

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