19. April 2021

Zeitschrift für Allgemeinmedizin: Forderungen an die Politik

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Unsere Forderungen an die Politik

Zeitschrift für Allgemeinmedizin  |  4. Ausgabe

Bildbeschreibung
Dr. Jürgen Herbers
Kooptiertes Vorstandsmitglied
       
Bildbeschreibung
Inga Junge 
Geschäftsführerin 

Als Hausärzteverband Baden-Württemberg befinden wir uns mit den Landtags- und Bundestagswahlen in einem Super-Wahljahr. Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, die Rolle der Hausärztinnen und Hausärzte als wichtiges Zukunftsthema einzubringen und die Politik aktiv mitzugestalten. Für das Super-Wahljahr 2021 verfolgen wir als Hausärzteverband das Ziel, die Gesundheitsversorgung (außerhalb von Corona) stärker zum politischen Thema zu machen und dabei die besondere Bedeutung der Hausarztmedizin herauszustellen.

Vorbereitung für Landtags- und Bundestagswahlen
Der erste Schritt, sich aktiv in den politischen Diskurs einzubringen, war es, sich auf gemeinsame verbandliche Positionen zu einigen und diese abzustimmen. Eine, wie man sich vorstellen kann, nicht ganz einfache Aufgabe in einem Berufsverband, der die Vielfalt der Hausarztmedizin als wichtige Ressource versteht. Die Grundlage der Entwicklung unserer politischen Forderungen bildete dabei unser vor etwa einem Jahr mit dem Vorstand und unseren Delegierten abgestimmtes Positionspapier (www.hausarzt-bw.de/positionen), welches die Ausrichtung des Verbandes für die kommenden Jahre widerspiegelt.

Zusammen mit einer Lobbyagentur haben wir in einer hausärztlichen Arbeitsgruppe einzelne politisch relevante Aspekte aus dem Positionspapier extrahiert und diese systematisch in Forderungen an die Politik umformuliert. Hierbei wurde bei jeder Forderung abgewogen, ob diese zum einen deutlich die hausärztliche Perspektive darstellt und zum anderen eine politische Umsetzbarkeit sicherstellt.

Unsere 10 Forderungen an die Politik lauten

1. Wir fordern, die Hausarztpraxis als Zentrum der Gesundheitsversorgung zu stärken.
Hausarztpraxen müssen erste Anlaufstelle bei allen gesundheitlichen Belangen der Patienten sein. Das haben wir beispielsweise in der Flüchtlings- und in der Coronakrise unter Beweis gestellt. Die hausarztzentrierte Versorgung (HzV), auf die Baden-Württemberg zu Recht stolz sein kann, hat als freiwilliges Primärarztsystem seine Vorteilhaftigkeit gegenüber der Regelversorgung bewiesen. Wir fordern daher, die hausarztzentrierte Versorgung nicht nur zu erhalten, sondern weiter auszubauen und auch für die Patienten durch Anreize attraktiv zu gestalten. Wir sprechen uns ferner dafür aus, auch neue Versorgungsmodule in die bewährten HzV-Verträge zu integrieren.


2. Wir fordern, die stationäre Versorgung an die HzV anzubinden.
Im Sinne der vom Gesetzgeber gewollten hausarztzentrierten Versorgung (HzV) sollen neue Verträge nach §140a SGB V auch die stationäre Versorgung sowie weitere Leistungserbringer an die hausarztzentrierte Versorgung anbinden: Kooperationen zwischen den Gesundheitseinrichtungen gilt es zu fördern.

3. Wir fordern, Versorgungslücken zu schließen.
In Baden-Württemberg fehlen schon heute mindestens 600 Hausärzte. Um die Versorgungslücke zu schließen, gilt es
a. die Attraktivität des Berufes zu erhalten und die Vergütung der Hausarztpraxis, insbesondere über die hausarztzentrierte Versorgung (HzV), zu erhöhen,
b. die Anzahl der Studienplätze für Medizin an allen badenwürttembergischen Universitäten auszubauen,
c. das Fach Allgemeinmedizin an den Universitäten in Baden- Württemberg hinsichtlich Ausstattung mit Personal, Forschungsgeldern und Ausbildungsanteilen zu stärken und aufzuwerten und
d. die Weiterbildungsplätze der einzelnen Fachrichtungen an den Empfehlungen des Gutachtens des Sachverständigenrates auszurichten.

4. Wir fordern, die Work-Life-Integration zu fördern.
Eine ausgeglichene Work-Life-Integration spielt eine immer größere Rolle. Deshalb sprechen wir uns für die Berücksichtigung folgender Punkte aus:
a. Bürokratische Auflagen, Regresse u. ä. müssen abgebaut werden.
b. Hausarztpraxen müssen von der Vielfalt an Verwaltungsaufgaben entlastet werden und die Patientenversorgung muss wieder mehr Platz einnehmen.
c. Interessierten Hausärzten sollte stärker als bisher die Möglichkeit eröffnet werden, sich an neuen Organisationsformen und -modellen sowie Modellprojekten auf regionaler Ebene zu beteiligen und neue Organisationsstrukturen mitzugestalten. Als Beispiele seien hierfür Primärversorgungszentren und überregionale Praxisnetze genannt.

5. Wir fordern, die Freiberuflichkeit von Hausärzten zu erhalten.
Die hausärztliche Freiberuflichkeit darf nicht eingeschränkt werden. Deshalb lehnen wir Eingriffe in die Berufs - ausübungsfreiheit der Hausärzte in Form von Zwangsverpflichtungen ebenso ab wie die Übertragung von originären Aufgaben anderer Akteure im Gesundheitsbereich an Hausärzte.

6. Wir fordern, unser berufspolitisches Engagement in Studium und Verbundweiterbildung zu unterstützen.
Wir fordern, das Engagement des Hausärzteverbandes im Studium und der Verbundweiterbildung als wichtigen Faktor für die Nachwuchsgewinnung und -sicherung politisch zu unterstützen. Besondere Bedeutung der finanziellen Ausstattung kommt hierbei dem Bereich der Forschungsförderung zu. Der allgemeinmedizinische Bereich ist hier insbesondere auch unter dem Aspekt der Versorgung der Patienten nach wie vor stark unterrepräsentiert.

7. Wir fordern eine digitale Transformation mit erlebbarem Mehrwert.
Wir sind für Digitalisierung, wollen aber mitreden. Wichtig ist uns hierbei, dass die neuen digitalen Prozesse eindeutige Vorteile gegenüber gegenwärtigen Systemen haben und keinen Mehraufwand bedeuten. Deshalb sollten digitale Lösungen in den Praxen die bisherigen Prozesse vollständig ersetzen und nicht nur ergänzen. Die hausärztlichen Praxen benötigen eine entsprechende Ausstattung mit digitaler Infrastruktur. Der Hausärzteverband fordert daher die Auflegung eines Sondervermögens des Landes zur „Digitalisierung in der hausärztlichen Versorgung“, um auch weiterhin eine moderne und flächendeckende medizinische Versorgung in Baden-Württemberg zu gewährleisten.

8. Wir fordern, die Telemedizin flächendeckend zu implementieren.
Wir sprechen uns dafür aus, dass die Telemedizin zunehmend an Bedeutung gewinnt und eingesetzt wird sowie E-Arztbriefe und E-Rezepte einschließlich des Dispensierrechts flächendeckend implementiert und verwendet werden.

9. Wir fordern, Delegationsmöglichkeiten in der Hausarztpraxis auszubauen.
Die Verantwortung für die ganzheitliche Versorgung chronisch und mehrfach erkrankter Menschen muss konsequent den Hausarztpraxen obliegen. Die Ausführung von hausärztlich geleiteten Aufgaben durch medizinische Fachangestellte (MFA) sollte weiter gefördert und die Delegationsmöglichkeiten ausgebaut werden. Wesentlich sind hierbei Förderstrukturen, mittels derer die Weiterbildung von Praxispersonal (VERAH) aktiv unterstützt wird.

10. Wir fordern, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu fördern.
Die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung hat in den letzten Jahren abgenommen, was nachweislich zu einer Zunahme der Inanspruchnahme medizinischer Ressourcen führt. Wir fordern deshalb die Verbesserung der Gesundheitskompetenz mit Unterstützung der Hausärzte, beispielsweise durch eine Kooperation mit dem Kultusministerium/Sozialministerium: Modelltage an Schulen, Unterrichtsmodule an Schulen zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz.

Die ursprüngliche Überlegung war es, die Kandidaten in die hausärztlichen Praxen unserer Delegierten einzuladen und mit Ihnen praxisnah zur Arbeit in den Hausarztpraxen ins Gespräch zu kommen und dabei unsere zehn Forderungen zu positionieren. Aufgrund der anhaltenden Corona-Pandemie mussten wir jedoch das Austausch-Format umstellen und sind dazu übergegangen, die Kandidaten zu einem digitalen Austausch mit unseren Bezirksvorsitzenden der vier baden-württembergischen ärztlichen Bezirke einzuladen.

Online-Sprechstunden Spezial
Beim digitalen Format unserer „Online-Sprechstunde Spezial“ unterstützten unsere Bezirksvorsitzenden mindestens eine Kollegin oder ein Kollege aus dem betreffenden ärztlichen Bezirk. Unsere Erwartungen bei den Teilnehmenden wurden bei Weitem übertroffen: insgesamt hatten bei 277 angeschriebenen Kandidierenden bereits 120 Personen Interesse an einem Austausch signalisiert. Dies betont nicht nur die Bedeutung der hausärztlichen Versorgung, sondern zeigt auch die regional bereits existenten Schwierigkeiten, weshalb der Austausch mit dem Hausärzteverband von Interesse ist. An den insgesamt vier „Online-Sprechstunden Spezial“ in den ärztlichen Bezirken nahmen sogar mehr als 65 Kandidierende teil.

Treffen mit Spitzenpolitikern
Unterstützt wurden die „Online-Sprechstunden Spezial“ durch digitale Netzwerktreffen einzelner Vorstände mit den Spitzenpolitikern der Parteien sowie aussichtsreichen Kandidierenden für aus unserer verbandlichen Sicht relevante ministerielle Positionen. Diese breite politische Basis soll dazu beitragen, das landespolitische Wirken unseres Verbandes in der kommenden Legislatur zu sichern. Die Fragestellungen aller Kandidierenden zur hausärztlichen Versorgung waren dabei, so wie unsere zehn Forderungen an die Politik, sehr vielfältig. Von Fragestellungen zur Nachwuchsgewinnung und Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung des Berufes über ministerieller Zuordnung des Gesundheitssystems bis hin zur Digitalisierung und Anbindung der Hausarztpraxen sowie intersektoralen Kommunikationsmitteln blieben keine Fragen unbeantwortet. Es bleibt für uns viel zu tun – wir gestalten hier mit!


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