Medientipps, Corona

13. April 2021

Südkurier: Hausärztechef im Südwesten kritisiert Politik deutlich und hält Impfzentren bald für verzichtbar: „Die Patienten wollen zum Hausarzt“

13.04.2021 | Zum Interview auf suedkurier.de

Seit Ostern können sich die Menschen auch bei den Hausärzten impfen lassen – was gut funktioniert. Dass die Allgemeinärzte aber nur „lächerlich wenig Impfstoff“ zur Verfügung haben, sorgt für heftigen Unmut, wie der Chef des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg, Berthold Dietsche, sagt. Er spricht darüber, warum Impfzentren bald nicht mehr gebraucht werden könnten, über unterschiedlich teure Impfungen und Impfgipfel ohne Hausarzt-Beteiligung.

 

Herr Dr. Dietsche, welche Bilanz ziehen die Hausärzte nach der ersten Impfwoche?

Wegen Ostermontag wurde der Impfstoff ja erst am Mittwoch geliefert, so dass die vergangene Woche eigentlich nur aus zwei Praxistagen bestand. Nach meinen Erkenntnissen war das Ergebnis hervorragend. Wir haben im Vergleich zur Vorwoche die doppelte Menge an Impfungen erreicht. Der organisatorische Aufwand mit dem Impfstoff von Biontech ist zwar erheblich, aber nach den mir vorliegenden Ergebnissen in den Praxen läuft es sehr gut.

 

Was sagen Ihre Patienten?

Die Patienten sind uns endlos dankbar. Jeder Hausarzt hat in seiner Praxis lange Wartelisten von Patienten, die sich in der Praxis impfen lassen wollen, die weder Lust haben, in der 116117-Warteschleife zu verhungern, noch irgendwelche kollabierenden Homepages zu besuchen. Wir kennen unsere Patienten, jeder hat seine interne Periodisierung, die natürlich an die Stiko (Ständige Impfkommission, Anm. d. Red.) angelehnt ist, und wir wissen, wer jetzt dringend eine Impfung braucht.

 

Wer einen Impftermin in einem Impfzentrum haben will, muss den steinigen Weg der Bürokratie gehen. Wie weiß der Patient, wann er beim Hausarzt an der Reihe ist?

Das handhaben die Kollegen unterschiedlich. Wir haben in unserer Praxis schon länger angekündigt, dass wir voraussichtlich impfen können. Und die Patienten, die geimpft werden wollen, tragen sich bei uns ein. Wir haben ja auch die Diagnosen und das Alter unserer Patienten. Wir gehen also diese Listen systematisch durch: die Über-80-Jährigen, dann die Über-70-Jährigen, die chronisch Kranken. Nehmen wir unsere Liste der chronisch Kranken. Aufgrund dessen weiß ich, wer in erster Linie geimpft werden muss.

Wir haben kein Problem, Patienten zu suchen. Unser Problem ist es vielmehr, wie wir mit diesem lächerlich knappen Impfstoff den Bedarf decken können.

 

In der ersten Woche sollte jeder Hausarzt 20 bis 40 Dosen bekommen. Wie war das bei Ihnen?

Die Ansage war bisher 18 Dosen pro Woche und Arzt. Am letzten Wochenende kam die Ankündigung von Minister Spahn, das noch zu halbieren, um die Impfzentren mit Impfstoff entsprechend auszustatten. Dafür, muss ich sagen, fehlt uns jegliches Verständnis. Und nun kommt die Ankündigung, ab dem 19. April zur Hälfte Astrazeneca zu impfen.

Das wäre nach derzeitigem Stand ein großes Problem bei Patienten, die schon mit Biontech eine Erstimpfung hatten und in sechs Wochen eine Zweitimpfung brauchen. Es ist ja noch völlig ungeklärt, ob diese Patienten dann auch mit Astrazeneca geimpft werden können. Das ist für uns Hausärzte alles in allem schwer erträglich.

 

Hausarztpraxen stehen schon seit über einem Jahr in vorderster Reihe bei der Diagnose von Covid-19. Bedeuten Impfungen auch mehr Belastung für die Hausärzte und das Praxispersonal?

Ja, die Kolleginnen und Kollegen arbeiten am Anschlag. Eine befreundete Kollegin hat über die Osterfeiertage einfach durchgearbeitet. Das Feedback aus der Politik ist überschaubar. Es gibt ja jetzt einen weiteren Impfgipfel, an dem die Hausärzte gar nicht beteiligt sind. Ich kann nur sagen, die Wut an der Basis, also bei den Patientinnen und Patienten wächst und wächst.

 

Sie müssen ja beim Impfen planen, müssen auch Patienten zum Impfen einladen. Wie viele Impfdosen erwarten sie in den Hausarztpraxen im Laufe des April?

Das wissen wir nicht. ich erhalte stündlich andere Informationen. Vor einer halben Stunde erst habe ich gelesen, man soll jetzt 40 Dosen bestellen können. Gestern kam noch die Info, dass es möglicherweise nur neun oder zehn sind. Aber wir müssen auch das Einbestellen der Patienten exakt timen. So dürfen sich beispielsweise in meiner Praxis nicht mehr als drei oder vier Patienten aufhalten, um die AHA-Regeln einhalten zu können. Es ist sehr unbefriedigend.

 

Sie bekommen sicher auch Anrufe täglich, in denen Patienten nachfragen, wann sie endlich dran sind?

Genau. Ich habe vier Amtsleitungen, die sind pausenlos belegt. Weil die Patienten natürlich sagen, dass sie jetzt endlich die Impfung wollen. Die sagen schon mal: Sie haben zugesagt, dass Sie impfen, und jetzt will ich einen Termin. Das ist auch naheliegend.

 

Würden Sie also sagen, Sie haben als Hausärzte den Schwarzen Peter, weil sie Patienten auch absagen müssen, wenn der Impfstoff nicht reicht?

Wenn ich keinen Impfstoff kriege, muss ich Termine auch auflösen. Aber wir in unserer Praxis und die Kollegen kriegen es einigermaßen geregelt, soweit ich das überblicke. Wir sind natürlich wesentlich flexibler als irgendeine Hotline, bei der irgendwelche fachfremde Leute angestellt sind. Wenn man uns ließe und mit Impfstoff versorgen würde, dann wäre das Thema Impfen in wenigen Monaten erledigt. Nur man hat vorsichtig ausgedrückt den Verdacht, dass da noch andere politische Fragestellungen mit den Impfzentren und den Landräten und den Ministerpräsidenten eine Rolle spielen.

 

Bräuchte es denn noch Impfzentren, wenn man sämtliche Kontingente auf die Arztpraxen verteilen würde?

Meiner Einschätzung nach für einen Übergangszeitraum, aber der kann relativ kurz sein. Denn wir kriegen das in den Hausarztpraxen hin. Man muss sich auch mal fragen, was die Patienten wollen. Die wollen zu ihrem Hausarzt, der sie kennt und nicht ins Impfzentrum mit wochenlangem Vorlauf. Die Patienten hören ja in der Regel auf ihre Hausärzte. Ich wundere mich, wie wenig die Politik dabei auf ihre Wähler hört.

 

Nehmen Sie bei den Patienten eine Verunsicherung wahr, was den Impfstoff Astrazeneca angeht?

Es gibt sicher eine gewisse Verunsicherung, die ist aber nach meiner Erfahrung erstaunlich gering. Wenn unsere Institutionen, zu denen ich Vertrauen habe, sagen, dass der Impfstoff sicher ist, dann gehe ich davon aus, dass er sicher ist. Genau das sage ich auch meinen Patienten. Das Risiko, eine Sinusvenenthrombose zu bekommen liegt etwa in der Höhe eines Lottohauptgewinns. Aber das Risiko an einem Covid-19-Infekt zu versterben ist um das Tausendfache höher. Das ist immer eine Abwägungsfrage.

 

Wie hoch ist der Aufwand zu impfen für den Hausarzt?

Der Aufwand ist schon erheblich. Aufklärung machen wir ja bei jeder Impfung. Aber diese unsinnigen Formulare, die Meldungen an das RKI, da soll man dann noch Chargennummern eintippen. Das ist völlig überflüssig. Das behindert den Ablauf erheblich und hat keinen Sinn. Kein Mensch käme bei einer Influenza-Impfung auf die Idee, diese ganzen Formulare auszufüllen.

 

Kommen Sie mit jedem Impfstoff gleich gut zurecht?

Die Antwort ist einfach: Es gibt nur Biontech. Das ist natürlich ein Aufwand, man muss ihn auftauen. Das heißt, Sie bekommen ihn ja entsprechend weniger gekühlt von Apotheken, dann müssen wir das in den Praxen aufbereiten, müssen das in einem bestimmten Zeitraum verimpfen. Es muss alles organisiert sein und auf die Minute klappen. Das ist im Moment natürlich ein erheblicher Aufwand, darunter leidet der allgemeine Praxisablauf. Aber wir machen es für unsere Patienten, denen wir als Hausärzte uns verpflichtet fühlen. Betriebswirtschaftlich ist es absurd, wenn man pro Impfung 20 Euro bekommt.

 

20 Euro je Impfung?

Ja, im Impfzentrum kostet die Impfung das Zehnfache.

 

Da würde sich die Zeit im Impfzentrum für Sie ja mehr lohnen, angeblich soll ein Arzt dort 1000 Euro am Tag vergütet bekommen.

130 Euro in der Stunde, ja. Wenn man acht Stunden arbeitet. Aber beißen wir lieber die Zähne zusammen und denken nicht an die Betriebswirtschaft.

 

Wann können Hausärzte 100 oder 200 Dosen am Tag verimpfen?

Da kann ich offen gestanden keine Prognose abgeben. Das hängt einfach an der Politik. Wir werden nahezu jeden Tag mit neuen Informationen zugepflastert, die sich teilweise widersprechen. Im Bundesverband der Hausärzte herrscht zur Zeit eine große Unruhe. Wir hoffen natürlich, dass wir bis zum August zumindest den größten Teil der Bevölkerung geimpft haben. Aber eine Prognose würde ich dazu nicht abgeben.

 

Zur Person

Dr. Berthold Dietsche, 68, ist Facharzt für Allgemeinmedizin in Freiburg und seit 35 Jahren niedergelassener Arzt. Er ist Vorsitzender des Hausärzteverbands Baden-Württemberg und Stellvertretender Bundesvorsitzender. Der Hausärzteverband ist die Interessenvertretung der Allgemeinärzte und hat nach eigenen Angaben in Baden-Württemberg 4000 Mitglieder, bundesweit sind es 30.000.

 

 

 

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