Coronavirus-Pandemie: Was wir aus der Krise lernen können

Hausärzte diskutieren, was die Hausarztmedizin und das Gesundheitssystem aus der Krise lernen können.
Das Coronavirus SARS-CoV-2 fordert unser Gesundheitssystem und unsere Hausarztpraxisteams im Moment immens. Als Hausärzteverband Baden-Württemberg sehen wir es in unserer Verantwortung, die hausärztliche Versorgung auch unter außergewöhnlichen Umständen zu schützen. Die Gesundheit unserer Hausärztinnen und Hausärzte und ihrer Teams steht für uns an oberster Stelle. Sie alle sind eine der wichtigsten Säulen unserer Gesundheitsversorgung! Damit Sie gut vorbereitet und informiert sind, haben wir wichtige Fragen und Antworten rund um die Coronavirus-Pandemie für die Hausarztpraxis zusammengestellt.
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Auch wenn es im Moment für viele Menschen schwer vorstellbar ist: Es wird eine Zeit nach der Coronavirus-Krise geben. Dr. Ingo Hrastnig ist hausärztlicher Internist in Stuttgart und Delegierter im Hausärzteverband Baden-Württemberg. Die Coronavirus-Krise hat aus seiner Sicht ganz deutlich gezeigt, was Patienten in einer gesundheitlichen Ausnahmesituation brauchen: Eine Anlaufstelle für ihre Gesundheitssorgen und Krankheitssymptome – den Hausarzt oder die Hausärztin!  

Was wird sich durch die Corona-Pandemie verändern? Gibt es Bereiche, in denen wir wieder zur Normalität zurückkehren können?
Ingo Hrastnig: Im März, auf dem Höhepunkt der Coronavirus-Krise und der Grippesaison, haben wir in unserer Gemeinschaftspraxis in Stuttgart 30 bis 40 Patienten täglich mit möglichen Symptomen einer COVID19-Erkrankung beraten und behandelt. Die allermeisten Fälle haben wir dabei selbst managen können. Ganz ohne Fieber-Ambulanz, Corona-Schwerpunktpraxis, Fachärzte oder gar das Gesundheitsamt, einfach durch intensive Beratung, Schulung und Führung der Patienten. Seit Anfang April gehen diese Beratungsanlässe deutlich zurück, auch die Zahl der Patienten mit Erkältungssymptomen nimmt stark ab. Wir konnten auf diese Weise viele ungeplante und unnötige Eigenvorstellungen in den Krankenhäusern verhindern.

Die Menschen sind in dieser gesellschaftlichen Gesundheitskrise aber weiterhin stark verunsichert und haben eines ganz stark gemerkt: Wie wichtig die zuverlässige Versorgung in der vertrauten und schnell verfügbaren Hausarztpraxis um die Ecke für sie ist! Wir hören oft, wie beruhigend und wichtig es sei, dass wir da sind, gerade jetzt in dieser Krise – und das von allen Altersgruppen!

Das wird meiner Einschätzung auch nach der Krise bleiben: Die gewachsene Überzeugung, wie wichtig eine hausärztliche Praxis in der Nähe ist, an die man sich jederzeit mit allen Fragen wenden kann, wenn es einem gesundheitlich nicht gut geht. Aber auch wenn man in Gesundheitsfragen einfach verunsichert oder besorgt ist, wird die Hausarztpraxis als Ansprechpartner zukünftig noch bewusster wahrgenommen werden.  

Stärker in den Fokus der Bevölkerung sind zudem die Berufsfelder der Pflege gerückt: Im ambulanten Bereich der Sozialstationen, in Altenheimen und Krankenhäusern. Es tritt in der Krise glasklar zutage, unter welch mauen Bedingungen (Bezahlung, Ausstattung mit Schutzmaterial, Arbeitszeiten) hier die meisten mit höchstem Engagement ihren Dienst tun.

Ob aus dieser Fokussierung zukünftig für die Beschäftigen mehr herauskommt als empathisches abendliches Beifallklatschen auf Balkonen, also ob sich an Bezahlung und den Arbeitsbedingungen irgendetwas ändern wird, wage ich noch zu bezweifeln. In der im Sommer einsetzenden wirtschaftlichen Rezession wird das Geld leider eher in andere Richtungen fließen. Dabei ist doch klar geworden, welch hoher Bedarf an qualifizierten Pflegekräften besteht. Ich hoffe daher, die Öffentlichkeit wird auch weiterhin ein wachsames Auge auf die zukünftigen Entwicklungen in der Pflege haben.

IInsgesamt können wir, glaube ich, aber stolz darauf sein, wie konzentriert und mit vergleichsweise niedrigerer Sterblichkeit wir in Deutschland dabei sind, die Coronavirus-Krise zu meistern. Auch die Krankenhäuser haben sich in perfekter Weise so vorbereitet, dass eine Überlastung bisher ausgeblieben ist.

Meiner Meinung nach besteht angesichts dieses guten Outcomes nach Ende der Krise gar nicht die Notwendigkeit, das Gesundheitswesen neu zu erfinden: Wir haben gelernt, wo es besonders hakt und sollten in den angesprochenen Bereichen (Stellung und Wertschätzung des Hausarztes, Vergütung und Arbeitsbedingungen der Pflege, Personalschlüssel in den Kliniken) nachschärfen, dann sind wir auch bei der Rückkehr zur Normalität gut aufgestellt.

Die Corona-Pandemie hat uns in den letzten Wochen in Atem gehalten. Dr. Rita Bangert-Semb ist Delegierte im Hausärzteverband Baden-Württemberg und Hausärztin in Wiesloch. Sie ist sich sicher: Unsere Welt wird auch nach der Krise eine andere sein!

Werden wir nach der Coronavirus-Krise wieder zur Normalität zurückkehren können?
Rita Bangert-Semb: Die Corona-Krise ist eine disruptive Krise, ganz ähnlich wie es auch die Pest-Epidemie Mitte des 14. Jahrhunderts gewesen ist. Eine solche Krise ist immer der Beginn von etwas ganz Neuem. Die Pest war der Startschuss für die Renaissance, die Neuzeit und die Aufklärung. Die Corona-Krise ist für uns Ärzte der Startschuss in eine echte Digitalisierung. Digitalisierung bedeutet nämlich nicht, eine E-Mail zu schreiben, statt zu telefonieren. Digitalisierung bedeutet Verfügbarkeit von Wissen. Digitalisierung bedeutet, zu jedem Zeitpunkt Zugang zu Ressourcen und Service zu haben. 

In der ersten Zeit nach der Krise wird es sich für uns vielleicht so anfühlen, als wäre alles wie vorher. Aber es geht nicht mehr weiter wie vorher, auch wenn wir es uns wünschen. Wir haben neue Erfahrungen gemacht. Wir haben Homeschooling erlebt und Lehrer in neuen Rollen. Patienten haben die Erfahrung gemacht, dass sie Probleme nicht nur zu unseren Sprechzeiten aussprechen wollen, sondern rund um die Uhr. Sie erwarten nicht, dass wir sofort antworten, aber sie wollen ihr Problem auch nachts positionieren und benennen können.

Dr. Ingo Hrastnig ist hausärztlicher Internist in Stuttgart und seit 2002 niedergelassen. Seiner Meinung nach hat die Coronavirus-Krise allen Patientinnen und Patienten gezeigt: Deutschland kann sich auf seine Hausärzte verlassen!

Was können Hausärztinnen und Hausärzte auf der einen Seite und Patienten auf der anderen Seite aus der Corona-Pandemie lernen?
Ingo Hrastnig: Hausärztinnen und Hausärzte können mit einem gestärktem Selbstwertgefühl und breiter Brust aus der Krise gehen. Unter schwierigen Bedingungen (bis zuletzt oft ohne adäquate Schutzausrüstung) haben wir es geschafft, unsere Patientinnen und Patienten, uns selbst und unsere Familien sowie unsere Angestellten kompetent und sicher durch die Krise zu lotsen.

Zusätzlich zum hausärztlichen Tagesgeschäft haben wir auf dem Höhepunkt von SARS-CoV2 und der Grippewelle eine Vielzahl von Atemwegserkrankten differential-diagnostisch richtig und sicher behandelt. Wir mussten und müssen rasch die richtigen, leitlinien-konformen Antworten auf die vielen Patientenfragen finden. Durch die engmaschige Anbindung an die Praxis gilt es zudem, bei Atemwegserkrankten keinen ernsthaften Krankheitsverlauf zu verpassen. Häusliche Absonderungen zu organisieren und die Patienten auf die richtigen Pfade im Gesundheitswesen zu lotsen, erfordert einen hohen zeitlichen und logistischen Aufwand. Auch die betagten, mehrfacherkrankten Risikopatienten ohne Atemwegsproblematik müssen ja „nebenbei“ sicher weiterbetreut werden, ohne sie zu gefährden. Oft ein Spagat, der da zu vollziehen ist. Einige Mitglieder des Hausärzteverbands Baden-Württemberg haben sich darüber hinaus stark bei der Organisation und dem Betrieb von regionalen Fieberambulanzen engagiert.

Zusammengefasst kann man also festhalten: Ein wesentlicher Faktor dafür, dass es in Deutschland bisher nicht zu einer Überlastung der Kliniken durch COVID-19-Patienten gekommen ist, ist dem starken ambulanten Sektor zuzuschreiben, der die Patienten adäquat durch das Gesundheitswesen lotst. Dieser ambulante Sektor wird ganz wesentlich getragen vom kompetenten Engagement der Hausärztinnen und Hausärzte.  

Patienten und Patientinnen können daher folgendes aus der Krise lernen: Deutschland kann sich auf seine Hausärzte verlassen!   

Dr. Rita Bangert-Semb ist Hausärztin im Hausarzt-Zentrum Wiesloch. Aus eigener Erfahrung weiß sie: Die Rolle von Hausärztinnen und Hausärzten verändert sich durch die Digitalisierung immens.

Was können wir aus der Corona-Pandemie lernen?
Rita Bangert-Semb: Wir Ärzte müssen nicht nur lernen, die digitalen Möglichkeiten besser zu nutzen, wir müssen auch unsere Position in diesem System hinterfragen und unseren Platz in der Gesellschaft neu definieren. Unsere Rolle verändert sich. Wir sind keine Elite mehr, wenn medizinisches Wissen jedem zur Verfügung steht. 

Patienten verlangen von mir heute nicht mehr, dass ich zu jeder Erkrankung alles weiß. Unser Beruf wird in Zukunft ein moderierender Beruf sein, sehr gut zu vergleichen mit dem des Lehrers. Der Lehrer ist für seine Schüler ein ganz wichtiger Kontaktpunkt. In der Corona-Krise lernt der Schüler über viele seiner Lehrer, dass sie nicht mit den digitalen Möglichkeiten zurechtkommen. Die Achtung vor der Rolle geht dadurch verloren. Wenn unsere Patienten erleben, dass wir Ärzte moderne Kommunikationsformen wählen, dass wir dialogisch mit ihnen sind, dann werden Sie uns auch in Zukunft achten. Wir müssen unsere jungen Ärztinnen und Ärzte gleich in diese veränderte Rolle mitnehmen, damit sie von Anfang an ein neues Selbstbewusstsein in ihrem Job entwickeln können.

Hausarzt Dr. Ingo Hrastnig ist Delegierter im Hausärzteverband Baden-Württemberg für den Bezirk Nord-Württemberg. Er ist sich sicher: Die Corona-Pandemie hat uns alle zum Nachdenken und Experimentieren angeregt. 

Welche positiven Entwicklungen hat die Corona-Krise in unserem Gesundheitssystem, aber auch in unserer Gesellschaft angestoßen?
Ingo Hrastnig: Ich glaube, es ist allen klar geworden, dass wir dringend die Abhängigkeiten, die durch eine Globalisierung der Handelsketten auch im Gesundheitswesen entstanden sind, in manchen Bereichen revidieren müssen. Es kann nicht sein, dass FFP2-Schutzmasken (und anderes Schutzmaterial) auch fünf Wochen nach Beginn der Coronavirus-Krise weiterhin nicht in der erforderlichen Menge zur Verfügung steht. Man male sich nur aus, wie ungleich fataler dieser Mangel noch wäre, hätten wir es beispielsweise mit dem Ebola-Virus zu tun. Eine Industrienation muss hier besser aufgestellt sein und relevante Reserven und Produktionskapazitäten bereithalten, um sich notfalls autark versorgen zu können.

Dasselbe gilt für die anhaltenden evidenten Knappheiten relevanter Arzneimittel in Deutschland: Man will sich nicht vorstellen, was es für die Verfügbarkeit relevanter Wirkstoffe bedeuten könnte, sollten in Indien im Rahmen der SARS-CoV2-Pandemie einzelne Arzneimittelwerke dauerhaft ausfallen. Für relevante Wirkstoffe müssen in Deutschland Lager- und Produktionskapazitäten zur Verfügung stehen, auch wenn der Arzneimittelpreis dadurch ansteigen sollte, das hat man zur Kenntnis genommen.

Die Krise hat die Gesamt-Gesellschaft massiv gebremst, ruhiger gemacht, zum Nachdenken und Experimentieren gezwungen. Digitale Kommunikationsformen werden sie zukünftig, im Shutdown eingeübt, noch stärker prägen als bisher. Wie sagt es unser  Bundespräsident: „Die Welt nach dem Coronavirus-Shutdown wird eine andere sein.“ Wie sie wird, liegt an uns.

Es ist meiner Ansicht nach völlig offen, ob sich das zarte Pflänzchen der gesellschaftlichen Solidarität, der Zuwendung zum Nachbarn und der kommunikativen Kreativität langfristig wird durchsetzen können. Oder ob nicht doch die hamsternde Ellenbogen-Mentalität und das Abstandhalten die Oberhand gewinnt? Erinnern wir uns auch nach der Krise noch, was wir in ihr als unverzichtbare Arbeit empfunden haben und wer den Laden am Laufen gehalten hat? Und dass uns diese Berufe eigentlich mehr wert sein wollten?

Die Hausarztzentrierte Versorgung ist in Baden-Württemberg seit mehr als zehn Jahren ein fester Bestandtteil. Als Delegierte im Hausärzteverband Baden-Württemberg plädiert Hausärztin Dr. Rita Bangert-Semb dafür, das Innovationspotential der HZV noch stärker auszuschöpfen.

Welche Entwicklungen hat die Corona-Krise in unserem Gesundheitssystem angestoßen?
Rita Bangert-Semb: Ich bin eine Verfechterin der Hausarztzentrierten Versorgung, aber die Corona-Krise hat uns vor Augen geführt, dass wir in Fragen der Digitalisierung deutlich innovativer und inspirierter vorgehen müssen. 

Der große Gamechanger wird zum Beispiel das E-Rezept sein. Davon werden nicht nur die Versandapotheken profitieren. Das E-Rezept wird auch die Vergütungsdynamik ändern, weil es die Quartalsabhängigkeit in Frage stellt. Der nächste Schritt werden kostenlose Onlinediagnosen sein. Krankenkassen bieten diese Diagnosen zum Teil schon an. 

Unternehmen wie „Zoom“, die wir vor der Krise noch gar nicht kannten, haben in den letzten Wochen enorm profitiert und Corona erfolgreich für sich genutzt. Unternehmen, die Daten intelligent, gut und preiswert verknüpfen, werden in Zukunft in unserem Bereich große Bedeutung haben. Ein Algorithmus denkt sauberer als ein Mensch, er hinterfragt alles. Er ist keiner Intuition ausgeliefert. Alles das sind keine unwahrscheinlichen Überlegungen. So wie Amazon seine Kunde kennt, haben wir Ärzte unsere Patienten zu kennen, aber wir tun es nicht. Wir müssen dringend schauen, wie wir sehr schnell besser werden, sonst werden wir von anderen Playern in unserem eigenen Markt abgehängt.

Dr. Ingo Hrastnig aus Stuttgart engagiert sich seit vielen Jahren im Hausärzteverband Baden-Württemberg. Die Corona-Krise ist aus seiner Sicht eine Chance, die Schlüsselposition der Hausärztinnen und Hausärzte berufspolitisch weiter zu stärken.

Welche Chancen sind aus der Coronavirus-Krise entstanden, die wir als Berufsverband nutzen müssen?
Ingo Hrastnig: Es ist während der „Coronavirus-Krise“ klar geworden, was jeder Patient in einer gesundheitlichen Ausnahmesituation (und nicht nur da) zu allererst braucht: Eine Anlaufstelle für seine Gesundheitssorgen und Krankheitssymptome. Den Hausarzt oder die Hausärztin!  

Diese sind in der akuten Krise wichtiger als der organspezialisierte Facharzt oder staatliche Strukturen (z. B. Gesundheitsämter), die mit der massenhaften Befassung von gesundheitsbesorgten Menschen überfordert sind.

Wir als lokal verfügbare Hausärztinnen und Hausärzte haben in der Krise die Schlüsselposition, sind die Lotsen: Ansprechpartner, Koordinatoren und Therapeuten! Hausärzte steuern die Inanspruchnahme anderer Gesundheitsebenen (Fieberambulanzen, Schwerpunktpraxen, Gesundheitsämter, Krankenhaus). Wir müssen diesen gesamtgesellschaftlichen Fokus auf uns nun nutzen, um viel stärker zu verdeutlichen, wie unverzichtbar wir als Hausärzte im Gesundheitssystem sind. Als primäre Ansprechpartner für alle Gesundheitsthemen, als „Fachärzte für den mehrfach Erkrankten“, die über Organgrenzen hinweg behandeln und das medizinische Ganze, den ganzen Menschen im Blick haben.

Wir müssen weiter hinwirken auf die Umsetzung eines adäquat vergüteten Primärarztsystems nach dem Vorbild der Hausarztzentrierten Versorgung in Baden-Württemberg.

Dennoch wird es so sein: Die Corona-Krise wird leider viele Verlierer in der Gesamt-Gesellschaft haben! Es wird viele geben, die sich intensiv um Patienten und Kranke gekümmert haben. Gewinner der Krise werden durch die Masse an durchgeführten SARS-COV2-Tests vermutlich nur die Labormediziner sein.

Hausärztin Dr. Rita Bangert-Semb findet: Als Berufsverband ist uns durch die Corona-Krise eine neue Chance entstanden,  die moderne hausärztliche Versorgung nachhaltig zu prägen und zu gestalten.

Welche Chancen sind aus der Coronavirus-Krise entstanden, die wir als Berufsverband nutzen müssen?
Rita Bangert-Semb: Wir als Berufsverband haben jetzt die große Chance der modernen hausärztlichen Versorgung unseren Stempel aufzudrücken. Die Corona-Krise hat uns damit konfrontiert, dass wir in manchen Bereichen einfach nicht weit fortgeschritten sind. Es deutet alles in eine Richtung und diese Richtung heißt Veränderung. Aber wir müssen schnell sein und es wirklich wollen.  Wir brauchen eine starke Vision und den nötigen Gestaltungswillen. Wir müssen wissen, wohin wir gehen. Unsere Vision als Berufsverband muss lauten: Ohne den Hausarzt geht nichts! Und das mit dem Ziel, die Versorgung für unsere Patienten so gut wie möglich zu gestalten. 

Wir können an einer Stelle mit einem kleinen Projekt anfangen und eine erlebbare, signifikante Verbesserung für Patienten schaffen, die sich für die Hausarztzentrierte Versorgung entscheiden. Zum Beispiel eine Onlinesprechstunde von 19:00 bis 23:00 Uhr. Wir brauchen dazu nur Tools, die es uns ermöglichen, mit anderen Ärzten Informationen zu teilen. Um einen Patienten gut zu behandeln, brauche ich nur seinen Medikamentenplan und seine Abrechnungsdiagnosen. Zur Triagierung können wir Algorithmen einsetzen, die uns fundiert, automatisiert, kostengünstig und für den Patienten verständlich in allen Sprachen unterstützen. Wir müssen selbstverständlich nicht gleich flächendeckend arbeiten, wir können mit Leuchtturm-Projekten in großen Praxiseinheiten beginnen. In der HZV sind große Organisationsformen im Moment aber nicht gut abgebildet, obwohl die Realität deutlich zeigt, dass Versorgung in Zukunft zentralisiert sein wird.

Dr. Afsaneh Siebenborn ist niedergelassene Hausärztin in Heilbronn und Delegierte im Hausärzteverband Baden-Württemberg. Für sie ist klar, dass nur durch den Einsatz der Hausärzte die Coronavirus-Pandemie in Deutschland eingedämmt werden konnte. In einem offenen Brief an den Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Dr. Andreas Gassen fordert sie, dass diese Leistung anerkannt und gewürdigt wird.

 

Heilbronn 05.06.20

Sehr geehrter Herr Gassen,

Sie haben bei KBV2GO über das positive Zwischenfazit zur Bewältigung der Corona-Pandemie am 03.06.2020 gesprochen. Sie sprachen darüber, dass die ambulante Versorgung wie eine Schutzmauer die Krankenhäuser vor Überflutung durch die Corona-Patienten bewahrt hat, und uns deshalb die Zustände wie in Italien erspart geblieben sind.

Sie sagten dies alles völlig zu Recht!

Aber warum sagen Sie nicht, dass es die Hausärzte*Innen waren, die diese Schutzmauer gebildet haben?

Warum sagen Sie nicht, dass es die Hausärzte*Innen waren, die als Fundament der ambulanten Versorgung an vordersten Front gekämpft haben, obwohl diesen selbst nicht ausreichend Schutzkleidung zur Verfügung stand?

Ich habe das große Bedürfnis Ihnen diese Zeilen zu schreiben, nachdem ich Ihren Artikel „Das Gesundheitswesen hat funktioniert“ vom 03 Juni gelesen habe.

Ich bin Internistin und Notfallmedizinerin und arbeite seit über 15 Jahren als Hausärztin in Heilbronn.

Als die Pandemie losging haben wir, mein Team in der Praxis und ich, den gesamten Ablauf in der Praxis umgestellt und der Situation angepasst, noch bevor irgendwelche offizielle Empfehlungen von Verbänden oder Gesundheitsämtern veröffentlicht wurden.

Wir haben unsere chronisch kranken Patienten versorgt, in der Praxis Abstriche genommen, die ambulanten Corona-Patienten betreut, später mit anderen Hausärzten*innen die Abstriche in der Fieberambulanz übernommen. Ich habe mich als Reservistin im Krankenhaus registrieren lassen, damit wir, falls die Zustände sich verschlechtern, die Kollegen auf den Stationen unterstützen können.

Ich bin glücklich und stolz, dass wir in Deutschland mit den richtigen Maßnahmen die Pandemie so gut eingedämmt haben, auch wenn wir weiter aufmerksam bleiben müssen falls eine zweite Welle kommen sollte.

Nun, wenn ich Ihre Zwischenbilanz lese, fühle ich mich als Hausärztin nicht angemessen wahrgenommen.

Sie schreiben, dass 6 von 7 Corona-Patienten ambulant versorgt wurden. Nun frage ich Sie Herr Gassen, wer hat diese Patienten wohl versorgt?

Nicht das Gesundheitswesen allgemein, wie Sie es nennen, sondern die Hausärzte*Innen in Deutschland haben diese Patienten versorgt!

Wieso erwähnen Sie nicht ein einziges Mal, dass hauptsächlich die Hausärzte*Innen diese ambulante Versorgung sichergestellt haben?

Während die fachärztlichen Kollegen alle Untersuchungen absagen mussten und teilweise ihr Praxen geschlossen haben, hielten die Hausärzte*innen die Stellung und dienten als Schutzwall vor den Krankenhäusern.

Wir hatten nur wenige Masken/Schutzausrüstung zur Verfügung. Wir haben unsere einzige FFP2-Maske wie ein Schatz behandelt und wochenlang getragen.

Die Praxis zu schließen und die Patienten unversorgt zu lassen, war trotzdem zum keinen Zeitpunkt eine Option.

Ich wünsche mir, dass unsere Arbeit die Würdigung erfährt die sie verdient.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Afsaneh Siebenborn
Hausärztin in Heilbronn