FAQ-Coronavirus-pandemie

Coronavirus-Pandemie: Versorgung neu denken

Das Coronavirus SARS-CoV-2 fordert unser Gesundheitssystem und unsere Hausarztpraxisteams im Moment immens. Als Hausärzteverband Baden-Württemberg sehen wir es in unserer Verantwortung, die hausärztliche Versorgung auch unter außergewöhnlichen Umständen zu schützen. Die Gesundheit unserer Hausärztinnen und Hausärzte und ihrer Teams steht für uns an oberster Stelle. Sie alle sind eine der wichtigsten Säulen unserer Gesundheitsversorgung! Damit Sie gut vorbereitet und informiert sind, haben wir wichtige Fragen und Antworten rund um die Coronavirus-Pandemie für die Hausarztpraxis zusammengestellt.

Was ist eine Fieberambulanz und wie richte ich sie ein? | Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth

Patienten mit Fieber und Infekten haben es zunehmend schwer, einen Termin beim Hausarzt zu bekommen. Sie müssen aber bei anhaltenden Beschwerden genauso versorgt werden. Deshalb hat in der Huchenfelder Hochfeldhalle in Pforzheim eine Fieberambulanz (www.corona-ambulanz-pforzheim-biet.de) eröffnet. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth, Hausärztin im Enzkreis und Vorstandsmitglied im Hausärzteverband Baden-Württemberg, arbeitet dort aktiv mit. 

Warum haben Sie eine Fieberambulanz eröffnet?
Nicola Buhlinger-Göpfarth: Die ambulante Versorgung ist an vielen Orten in Baden-Württemberg nur noch sehr eingeschränkt möglich. Viele Hausarztpraxen können nicht arbeiten, weil sie keine Schutzausrüstung mehr haben. Kliniken, Notrufnummern und Gesundheitsämter sind infolge vollkommen überlastet. Mit Hilfe von Fieberambulanzen helfen wir die ambulante Versorgung wieder sicherzustellen, das dürfen unsere Patientinnen und Patienten zu Recht von uns erwarten. Es kommt keine Hilfe von außen, wir müssen als Hausärztinnen und Hausärzte selbst handeln!

Was ist Aufgabe einer Fieberambulanz?
Nicola Buhlinger-Göpfarth: Die Aufgabe einer Fieberambulanz ist die Triagierung von Patienten. Wir trennen Patienten, die ambulant verbleiben können, von denen, die eine stationäre Behandlung brauchen. In der Fieberambulanz begegnen uns vor allem fiebernde Patienten mit Vorerkrankungen und ältere Patientinnen und Patienten.

Was ist bei der Errichtung einer Fieberambulanz zu beachten?
Nicola Buhlinger-Göpfarth: Wer eine Fieberambulanz einrichten möchte, muss sich sehr gut mit allen zuständigen Stellen vernetzen. Dazu zählen das Gesundheitsamt, die örtliche Verwaltung und Verwaltungsbeamte der örtlichen Behörden, der Katastrophenschutz, das Deutsche Rote Kreuz, die Klinikärzte, die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg, der Hausärzteverband Baden-Württemberg  und natürlich die Kolleginnen und Kollegen vor Ort.

Wie wird die Arbeit als Fieberambulanz vergütet?
Nicola Buhlinger-Göpfarth: Jede Fieberambulanz hat eine eigene BSNR, die man bei der Kassenärztlichen Vereinigung erfragt. Alle Kolleginnen und Kollegen, die dort mitarbeiten, rechnen über ihre LANR mit der KV ab.

Auf welche Herausforderungen stellen Sie sich derzeit besonders ein?
Nicola Buhlinger-Göpfarth: Wir rechnen täglich mit neuen Herausforderungen und mit wenig Schlaf in den nächsten Wochen. Wir sind darauf vorbereitet, dass am Anfang vielleicht auch improvisiert werden muss und Arbeitsabläufe täglich angepasst werden müssen.

Wie organisiere ich eine Fieberambulanz? | Marianne Difflipp-Eppele

In Karlsruhe hat Marianne Difflipp-Eppele, Hausärztin und Vorstandsmitglied im Hausärzteverband Baden-Württemberg, in ihren Praxisräumen eine Fieberambulanz eingerichtet. Ihre Räumlichkeiten mit Anmeldung, Wartezimmer und zwei Sprechzimmern sowie einem zusätzlichen Wartezimmer und vier weiteren Sprechzimmern in Reserve sind ideal geeignet.

Wie ist Ihre Fieberambulanz organisiert?
Marianne Difflipp-Eppele: Unsere Fieberambulanz ist täglich von 14:00 bis 18:00 Uhr geöffnet, so dass werktags Hausarztpraxen und am Wochenende die Integrierte Leitstelle Patienten anmelden können. Bei steigendem Bedarf ist geplant, die Zeiten auf 10:00 bis 14:00 Uhr und 16:00 bis 20:00 Uhr auszuweiten. 

  • Aktualisierung (28.03.2020): Wir müssen unsere Abläufe permanent den Anforderungen anpassen. Im Moment arbeitet jeweils ein Team aus Arzt und MFA in der Fieberambulanz. Wenn mehr Kollegen erkranken oder in Quarantäne müssen, kann es erforderlich sein, dass mehrere Teams aus Ärzten und MFAs zeitgleich dort arbeiten müssen.

Die Praxisorganisation erfolgt über einen Online-Kalender. Über einen Zugangscode können unter der Woche die Kolleginnen und Kollegen aus den Hausarztpraxen und am Wochenende die Integrierte Leitstelle Termine im 10-Minuten-Takt online eintragen. 

  • Aktualisierung (28.03.2020):  Zusätzlich ist montags bis freitags von 09:00 bis 16:00 Uhr eine Telefonnummer geschaltet, unter der Patienten angemeldet werden können.  Der diensthabende Arzt in der Fieberambulanz vergibt die Termine selbst und hat die Möglichkeit Rückfragen zu stellen. Behandelt werden nur angemeldete Patienten, es besteht kein freier Zugang. Am Wochenende gibt die 116 117 die Telefonnummer an durch telefonische Abfrage vorgefilterte Patienten. Dazu zählen a) Patienten, die 80 Jahre  oder älter sind, mit Fieber, Husten und Allgemeinsymptomen sowie b) chronisch kranke Patienten mit Fieber, Husten und Allgemeinsymptomen und c) Patienten ohne chronische Vorerkrankung mit Fieber, Husten und Allgemeinsymptomen, sofern die Beschwerden sich so verschlechtern, dass sie untersucht werden müssen und eine häusliche Isolation als alleinige Maßnahme nicht mehr ausreicht.

Die Patienten bekommen an der Anmeldung einen Mundschutz und einen Anamnesebogen. Wir führen keine Abstriche durch. Die diensthabenden Ärzte bringen jeweils ihre MFA mit. Es gibt eine Umsatzgarantie von 150 Euro für Arzt und MFA pro Stunde.

Mit dem Labor ist vereinbart, dass sie für uns große Blutbilder und CRP bestimmen. Die Proben werden jeden Abend abgeholt und einen Server eingerichtet, so dass die Ergebnisse auf den PC eingespielt werden können. Röhrchen und Blutentnahmematerial wird uns gestellt.

Wie ist die Fieberambulanz ausgestattet?
Marianne Difflipp-Eppele:  Mobiliar, Reinigung, Abfallentsorgung, Seife, Handtücher und Toilettenpapier stellt unser Landratsamt. Die Hard- und Software (T2med) wurde bei uns über die Firma Netzwerft eingerichtet inklusive einem zentralen Drucker an der Anmeldung und einem Kartenlesegerät. 

Für den Anfang haben wir bestellt: ein Ohrthermometer mit Schutzhüllen, ein Otoskop mit Tipps, ein elektronisches Blutdruckmessgerät, eine Sauerstofflasche mit Druckminderer, ein Pulsoximeter, Mundspatel, Latex-Handschuhe Gr. M und L, Infusionslösungen, Braunülen, Kanülenabwurfboxen, Mulltupfer, Octenisept Sprühflaschen, Flächendesinfektionsmittel (Sprühflaschen) und Schutzbrillen. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg stellt Schutzausrüstung (Masken und Kittel), Desinfektionsmittel und Mundschutz-Masken für die Patienten.

Wie erfolgt die Abrechnung in der Fieberambulanz?
Marianne Difflipp-Eppele:  In das Praxis-Programm T2med können aktuell bis zu 20 LANR eingepflegt werden. Die Leistungen werden also auf den jeweiligen Arzt abgerechnet werden, der sich am Anfang seines Dienstes anmeldet. Wichtig ist, dass man die genaue Anschrift der Fieberambulanz kennt. Die Adresse braucht man, weil die Fieberambulanz eine eigene BNSR bekommt. Wir in Karlsruhe sind zunächst mit den Rezepten und der BSNR unserer Notfallpraxis gestartet. 

Die Corona-Pandemie und die Grippewelle
Im Interview mit Baden TV aktuell vom 25. September 2020 (ab Minute 10:15) spricht Marianne Difflipp-Eppele über die Herausforderungen der kalten Jahreszeit und die Reaktivierung von Fieberambulanzen.

Wie schütze ich meine Praxis vor Infektionen? | Dr. Doris Reinhardt  

Dr. Doris ReinhardtDr. Doris Reinhardt, niedergelassene Hausärztin in Friesenheim und Vorstandsmitglied im Hausärzteverband Baden-Württemberg beschreibt, welche Maßnahmen sie in ihrer Praxis ergriffen hat, um die Infektionsgefahr soweit es geht zu reduzieren.

Zur Vermeidung von Infektionen in der Praxis ist im Umgang mit Patienten auch weiterhin wichtig, dass sämtliche Kontakte soweit es geht vermieden werden. Darum sollten Patienten nur einzeln in die Praxis gelassen werden und bei Gesprächen sollten auch in den Praxisräumen mindestens 1,5 bis 2 m Abstand gehalten werden. Infektpatienten können von allen anderen Patienten zeitlich getrennt werden, um so Kontakte möglichst zu vermeiden. Die Mitarbeiter in der Praxis sollten mit FFP-2-Masken im Kontakt mit Infektpatienten geschützt werden und durch das Beachten der Mindestabstände sowie häufiger Händehygiene.

Alle Untersuchungen am Patienten finden so kontaktarm und so zeitlich begrenzt wie nur möglich statt. Nach der Untersuchung werden die Patienten direkt wieder rausgeschickt und alle Unterlagen werden den Patienten nach draußen gereicht und außerhalb der Praxis übergeben.

Alle Patienten, die eine Rezeptverordnung benötigen und medizinische Fragen haben, die nicht einer ärztlichen Untersuchung bedürfen, können sich zur telefonischen Beratungssprechstunde anmelden, für die bewusst mehr Zeit im Praxisalltag eingeplant ist. Für die Bestellung von Rezepten ist ein Rezept-Anrufbeantworter installiert, auf dem die Patienten rund um die Uhr Rezepte bestellen können. Während der Corona Krise wurde dieser Service noch erweitert: am Ende der Sprechstunde können die Rezepte in eine von den Patienten genannte Apotheke gebracht werden. Weiterhin in die Praxis kommen sollten alle Patienten, die ärztlich Untersucht werden müssen, dies gilt auch für Hausbesuche.

Zur Entlastung der Hausärzte und Notfallpraxen werden zunehmend Fieber- oder Corona-Ambulanzen eingerichtet. So auch in der Oberrheinhalle in Offenburg. Dort öffnet die Fieberambulanz am 6. April für die Patienten. Die Fieberambulanz ist täglich von 10-16 Uhr für Patienten mit Verdacht auf eine Coronainfektion, nach Anmeldung durch den Hausarzt geöffnet. Es ist damit zu rechnen, dass die Zahlen der Infizierten bis Ostern deutlich steigen werden, darum müssen die Hausarztpraxen unterstützt werden, damit die niedergelassenen Ärzte ihren Betrieb aufrechterhalten können. Dabei ist ebenfalls wichtig, die Patienten so zu steuern, dass sie nicht die Kliniken aufsuchen, die sich auf die Behandlung schwerkranker Infizierter vorbereiten.

Medienberichte:
„So kontaktarm wie möglich“ |  01.04.2020 | Badische Zeitung
Offenburg bekommt Corona-Ambulanz |  02.04.2020 | Badische Zeitung
Am Montag eröffnet die Corona-Ambulanz in Lahr | 04.04.2020 | Badische Zeitung
Pressekonferenz aktueller Stand Corona-Entwicklung im Ortenaukreis - 14.5.2020

Wie arbeitet eine Corona-Ambulanz? | Dr. Susanne Bublitz

Dr. Susanne Bublitz ist Hausärztin in einer Gemeinschaftspraxis im Hohenlohekreis und engagiert sich im Hausärzteverband Baden-Württemberg zum Beispiel im Forum Hausärztinnen Baden-Württemberg. Um die ambulante Versorgung im Hohenlohekreis in der Coronavirus-Krise zu stärken, haben die niedergelassenen Ärzte zusammen mit ihren Kollgen im Krankenhaus eine Corona-Ambulanz organisiert.

Wie haben Sie die ambulante Versorgung im Hohenlohekreis organisiert?
Susanne Bublitz: Fast alle Hausärzte haben ihre normale Sprechstunde eingestellt und behandeln nur noch Notfälle. Diese Notfälle versuchen wir nach Infekten und Nicht-Infekten aufzuteilen. Leichte Infekte werden telefonisch organisiert, bei Alarmsymptomen kommen sie in die Hausarztpraxis oder werden zu Hause besucht.  Infektpatienten, bei denen nicht klar ist, ob sie weiter ambulant behandelt werden können oder stationär aufgenommen werden müssen, können in der neuen Corona-Ambulanz im Krankenhaus weiter untersucht werden. Das Krankenhaus hat dafür die erforderliche Ausstattung. Das Personal kann aber nicht zwei Ambulanzen gleichzeitig besetzen. Deshalb unterstützen wir die neue Corona-Ambulanz zum Teil mit niedergelassenen Ärzten, um die Kollegen des Krankenhauses zu entlasten.

Was sind die größten Herausforderungen in der Corona-Ambulanz?
Susanne Bublitz: Probleme haben uns vor allem logistische Fragen bereitet: Wie wissen wir, dass ein Patient da ist? Wer holt ihn aus dem Wartebereich ab? Wer bedient den Computer, wenn der Arzt den Patienten untersucht hat? Wer organisiert das Röntgen? Wie kommt dann der Befund von der Radiologie im 1. Stock zu uns nach unten?

Die Organisation gestaltet sich noch etwas holprig, weil wir die Strukturen des Krankenhauses nutzen, aber die Abläufe und Formalitäten im System der Kassenärztlichen Vereinigung ganz andere sind. Wir können deshalb nicht auf die Krankenhaussoftware zugreifen und mussten deshalb kurzfristig eine Praxisinfrastruktur aufbauen. Wir arbeiten im Moment mit einer Computereinheit mit zertifizierter Praxissoftware. Damit können wir Überweisungen für das Röntgen und für eine Blutgasanalyse in der Inneren Medizin ausstellen. Das Krankenhaus kümmert sich in der Ambulanz auch um die Fälle, die stationär aufgenommen werden müssen. Daher können wir für diese Untersuchungen gegebenenfalls auch auf eine Schwester des Krankenhauses zurückgreifen.

Wann ist die Corona-Ambulanz geöffnet?
Susanne Bublitz: Im Moment arbeiten wir in zwei Dienstschichten: 10:00 bis 14:00 Uhr und 14:00 bis 18:00 Uhr. Es hat sich gezeigt, dass der Zustand von Patienten sich auf den Nachmittag und Abend verschlechtert.

Wo werden Sie von verschiedenen Stellen unterstützt?
Susanne Bublitz: Wir probieren mit unserer Corona-Ambulanz im Moment die Überwindung von Sektorengrenzen aus. Die Zusammenarbeit mit der Klinik ist sehr positiv und die Verwaltung unseres Krankenhauses zeigt sich sehr flexibel. Ich hoffe, dass sich so eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten herstellen lässt.

Das Landratsamt hat uns einen Kopierer, ein Handy und eine Kaffeemaschine zur Verfügung gestellt. Wir können auf zwei Medizinstudentinnen und einen Rettungssanitäter zurückgreifen, die die Bedienung des Computers übernehmen, die Patienten von A nach B bringen und verschiedene Untersuchungen organisieren. Die Kassenärztliche Vereinigung liefert uns das Verbrauchsmaterial wie Masken und Schutzkittel.

Wie wird die Arbeit in der Corona-Ambulanz vergütet?
Susanne Bublitz: Wir sind offiziell eine "Fieberambulanz". Die Kassenärztliche Vereinigung hat einen Notdienstplan eingerichtet. Wir rechnen je Patient eine Notdienstpauschale von rund 13 Euro ab. Die KV bezahlt aber eine Umsatzgarantie von 150 Euro pro Stunde.

Dr. Susanne Bublitz im Interview:
Report Mainz: Der baden-wüttembergische Hohenlohekreis im Krisenmodus |  14.04.2020 | SWR

Was passiert, wenn ich als Hausarzt an COVID-19 erkranke? | Dr. Jürgen Herbers

Dr. Jürgen Herbers ist Fortbildungsbeauftrager im Vorstand des Hausärzteverbands Baden-Württemberg und Hausarzt in einer Gemeinschaftpraxis. Ende März hat er sich mit COVID-19 infiziert und in dieser Zeit viele Erfahrungen für den Ernstfall gesammelt.

Wie lange darf ich nicht arbeiten, wenn ich an COVID-19 erkranke?
Jürgen Herbers: Ganz konkret legt dies das örtlich zuständige Gesundheitsamt fest. Vom Robert-Koch-Institut (RKI) wird zur Dauer der Quarantäne empfohlen: Nachdem zwei Tage Symptomfreiheit bestand, müssten zwei Abstriche im Abstand von 24 Stunden negativ sein, damit wieder Arbeit mit Patientenkontakt aufgenommen werden darf. Für mich gilt diese Regel ebenfalls. Es gibt aber andere Entscheidungen, z.B. Ende der Quarantäne nach 14 Tagen, entweder mit einem oder auch ohne negativen Abstrich.

Was sind die ersten Schritte, die ich unternehmen muss? Woran muss ich auf jeden Fall denken?
Jürgen Herbers: Ich persönlich hatte das große Glück, in einer Gemeinschaftspraxis zu arbeiten. Sowohl mein Praxispartner als auch die angestellte Fachärztin und der angestellte Facharzt waren gesund und durften weiterarbeiten. Das war für mich persönlich sehr entlastend, ich durfte „einfach krank sein“ und meine Krankheit ohne weitere Überlegungen und organisatorische Änderungen auskurieren, ähnlich wie bei einer „normalen“ Krankheit.

Mein Praxispartner musste in dieser Zeit allerdings deutlich mehr arbeiten, er übernahm meine Patienten und insbesondere die weiterhin notwendigen Heimhausbesuche. Seine freien Vor- oder Nachmittage konnte er dadurch nicht nehmen. Ich bin sehr dankbar, dass dies in dieser Krisenzeit so wunderbar geklappt hat.

Mittlerweile habe ich aber auch Kontakt zu anderen betroffenen Kollegen. Sobald die Praxis plötzlich schließen muss, sind verschiedene Dinge zu beachten und zu organisieren:

  • Vertretung
    Wenn eine oder mehrere Praxen zur Vertretung gefunden wurden, müssen die Patienten informiert werden (Bandansage am Telefon, Aushang, evtl. Info auf der Homepage, evtl. Anzeige in der örtlichen Presse). Möglichst sollten auch die Patienten, die in den nächsten drei Tagen einen Termin haben, informiert werden. Vorsichtshalber sollten Kreisärzteschaft, KV, die örtlichen Apotheken und Sozialstationen, die Rettungsstelle sowie der Bürgermeister informiert werden.
  • Das Organisatorische
    Wie bei einem Urlaub müssen verschiedene Dinge geklärt werden: Abbestellen der Laborfahrer und Zeitschriften / Tageszeitung.
    Vielleicht hält jemand vom Team telefonisch „Stallwache“ in der Zeit der Quarantäne, damit die Praxis telefonisch erreichbar ist und wichtige Informationen weitergegeben werden können? Es muss geklärt sein, was mit Post und Paketen passiert. Gibt es noch Lieferanten, die informiert werden müssen (z.B. Blumengestecke, Lebensmittel)? Hier empfehlen sich Listen, die z.B. für den Urlaub erstellt wurden und sich vielleicht im QM-Ordner finden lassen.
  • Videosprechstunde
    Bin ich krank, nutzt auch eine Videosprechstunde nichts. Bei Quarantäne und Gesundheit könnte aber eine Video- oder Telefonsprechstunde abgehalten werden. Dies erfordert aber Organisation: das Telefon muss besetzt sein, um Video- oder Telefonsprechstundentermine zu vergeben. Verordnungen müssen dann ausgestellt werden können, also darf die Praxis nicht komplett geschlossen sein. Dies geht also nur dann, wenn die Quarantäne nicht die gesamte Praxis, sondern z.B. nur die Praxisinhaber trifft
  • Finanzielles
    In Gemeinschaftspraxen ist es normalerweise im Vertrag geregelt, wie die finanziellen Auswirkungen von 1-2 Wochen Krankheit zwischen den Praxispartnern zu werten sind, zumal wenn die Praxis „normal“ weiterlaufen kann. Problematisch ist es für Praxen, die wegen Quarantäne schließen müssen. Nach Infektionsschutzgesetz haben die Praxisinhaber bei offiziell angeordneter Quarantäne eine Pflicht zum Kostenersatz. Je nach Bundesland muss man sich an die entsprechende Stelle wenden und dort den Kostenersatz beantragen. Für Baden-Württemberg sind diese Stellen die örtlich zuständigen Gesundheitsämter.

Welche Auswirkungen hat meine Erkrankung auf die Arbeitsabläufe in meiner Praxis und die Versorgung in der Region?
Jürgen Herbers: Dies hängt ebenfalls von der Praxisform ab. In der Gemeinschaftspraxis wird dies einfacher zu klären sein, wenn der Praxispartner noch arbeiten kann. Ansonsten oder bei Einzelpraxen wäre zu klären, ob Video- und Telefonsprechstunde möglich sind. Damit ist in der Krise eine ausreichende Patientenversorgung möglich. Patienten, die körperliche untersucht werden müssen, können dann an andere Praxen vermittelt oder in dringenden Fällen auch stationär angemeldet werden. Hierzu muss aber in der Regel die Praxis von einer MFA besetzt sein, ist also auch nur dann möglich, wenn nicht die Praxis als ganzes in Quarantäne geschickt wurde.

Je nach Größe der Praxis und der ärztlichen Versorgung in der Nähe kann dies zu erheblichen Einbrüchen in der regionalen Versorgung führen, insbesondere wenn auch noch Heime oder Behinderteneinrichtungen regelmäßig betreut wurden. Die Information der umliegenden Kollegen, die sich ja in der Regel aus den PTQZ (Pharmakotherapie-Qualitätszirkeln) kennen, ist hier besonders wichtig.

Welche Vorkehrungen kann das Hausarztpraxisteam für den Ernstfall treffen?
Jürgen Herbers: Da jede Praxis Gefahr läuft, in eine solche Quarantäne-Situation zu kommen, sollten jetzt Notfall-Pläne erstellt werden. Die oben angesprochenen Punkte (wer muss informiert werden, an welche Stellen kann ich mich wegen finanzieller Probleme wenden, wer vertritt uns u.a.) müssen überlegt und das Ergebnis schriftlich festgehalten werden, und zwar gleich mit den Adressen und Telefonnummer, damit man später nicht lange suchen muss.

Welche Vorkehrungen können die Hausärzte in der Region gemeinsam treffen?
Jürgen Herbers: Die regional organisierten Ärzte sollten sich absprechen, wer wen vertritt und wer in die Heime geht. Aber auch die Urlaubszeiten sollten geplant werden: Wer geht wann in Urlaub? Ist Urlaub überhaupt sinnvoll in dieser Zeit? Im Fall des Falles können dann Listen und Absprachen schnell abgearbeitet werden bzw. gelten. 

CORONA-CHRONIKEN - ARBEITSALLTAG IN DER KRISE Hausarzt Dr. Jürgen Herbers war selbst an Corona erkrankt |  03.06.2020 | SWR

Wie ist die hausärztliche Versorgung in Pflegeheimen während der Corona-Pandemie organisiert? | Markus Common

Markus Common ist Vorstandmitglied im Hausärzteverband Baden-Württemberg und Hausarzt in Hüfingen im Schwarzwald-Baar-Kreis. Er weiß aus eigener Erfahrung, dass Hausärzte, die Pflegeheime betreuen, im Moment nicht nur Ansprechpartner für medizinische Fragen sind.

Wie erleben Sie als Hausarzt die aktuelle Situation in unseren Pflegeheimen?
Die Situation befindet sich in stetigem Wandel. Zu Beginn der Pandemie waren die Pflegeheime in großer Zahl nicht auf diese Situation vorbereitet. Schutzausrüstung fehlte, Wissen fehlte und Maßnahmen, die getroffen hätten werden müssen, haben lange gedauert. Als Hausarzt hat man nicht nur medizinische Arbeit geleistet. Man war und ist erster Ansprechpartner für alle! Wir beschäftigen uns nicht nur mit der medizinischen Versorgung der Bewohner, sondern kümmern uns auch um den Austausch mit den Heimleitern und dem Pflegepersonal: Was bedeutet Quarantäne? Wie muss und kann man sie umsetzen? Wo kann man noch Schutzausrüstungen bestellen?

Der Kommunikationsfluss von den Gesundheitsämtern und der Heimaufsicht zu den Heimleitungen und den Hausärzten war oft nicht gut organisiert. Manche Pflegeheime waren sehr lange frei von COVID-19, andere hat es schnell getroffen, sodass sich damit auch die Situation der Hausärzte sehr unterschiedlich gestaltet hat. Die Versorgung der Bewohner konnte jedoch insgesamt sehr gut sichergestellt werden.

Im Schwarzwald-Baar-Kreis haben sich die Hausärzte größtenteils selbst organisiert. Je Pflegeheim haben nur noch ein oder zwei Hausärzte Hausbesuche durchgeführt, sofern die betreuenden Hausärzte die Besuche angefordert hatten. Einweisungen in das Krankenhaus wurden bei entsprechender Symptomatik veranlasst. Palliative Situationen aufgrund von COVID-19 habe ich persönlich nicht erleben müssen, aber auch für diesen Fall sind wir Hausärzte gerüstet.

Welche neuen Anforderungen werden an Hausärzte gestellt, die Patienten in Pflegeheimen betreuen?
Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind für jedes Pflegeheim ein oder zwei Hausärzte eingeteilt, die Hausbesuche, wenn vom zuständigen Hausarzt angefordert, durchführen. Zusätzlich gibt es noch das „Coronamobil“, das bei COVID-19-Verdachtsfällen Rachenabstriche durchführt und über die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg organisiert ist.

Neu ist die so genannte „asymptomatische freiwillige Testung“ der Bewohner und des Personals in Pflegeheimen. Mehrere Stunden am Tag in einer kompletten Schutzausrüstung Abstriche durchzuführen, ist durch die mangelnde Luftzufuhr und die Hitze unter den Anzügen körperlich und geistig sehr anstrengend. Demenzkranke Patienten verstehen zum Teil nicht, warum sie getestet werden. Natürlich gibt es auch Verweigerer unter den Bewohnern und dem Personal, verbunden mit entsprechenden Diskussionen.

Über die Ernennung von Hausärzten als Pandemie-Beauftrage durch die KVBW  | Dr. Johannes Fechner

Dr. Johannes Fechner ist kooptiertes Mitglied im Vorstand des Hausärzteverbands Baden-Württemberg und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW).

Hausärzte haben als zentrale Gesundheitsversorger in der Coronavirus-Pandemie eine Schlüsselrolle. Eine Forderung des Hausärzteverbandes war es, dass Hausärzte in die regionale Gesundheitskoordination, insbesondere zu Pandemie-Zeiten, eingebunden werden müssen. Wegweisend ist dabei die Entscheidung der KVBW, die erstmalig im Bundesgebiet regelhaft Hausärzte zu Pandemie-Beauftragten benennt und damit die Einbindung dieser in den regionalen Gesundheitsgremien manifestiert.

Vielen Dank für diesen wichtigen Entschluss der KVBW. Wie kam es zur Entscheidung, Hausärzte als Pandemie-Beauftragte zu benennen?
Bereits während der 1. Welle war in manchen Regionen Kompetenzgerangel zwischen den verschiedenen Mandatsträgern zu beobachten oder in der Hektik mangelnde Absprachen mit den Stadt- und Landkreisen zu verzeichnen. Es war mir damals schon klar, dass wir je Region einen Ansprechpartner benötigen - analog der Notfallpraxisbeauftragten im ärztl. Bereitschaftsdienst.

In der ruhigen Zwischenphase hatten wir mehrere Gesprächsrunden mit den Vertretern der Kommunalverbände, hier wurde das Angebot von regionalen Pandemie-Beauftragten dankbar angenommen und zugesichert, diese in den Lenkungsgremien mit festem Sitz und Stimme zu verankern.

Als KVBW vertreten Sie ja haus- und fachärztliche Interessen. Wie verliefen die Diskussionen bei der Entscheidung Hausärzte als Pandemie-Beauftragte zu berücksichtigen?
Richtig ist, dass ich als Mitglied des Vorstands die Interessen sämtlicher Ärztinnen und Psychotherapeutinnen in der KVBW vertrete, andererseits nehme ich die Position des gesetzlich vorgegebenen hausärztlichen Vorstandmitglieds wahr. Die Diskussion zu den Benennungen war kurz – überwiegend wurden Kollegen mit Bezug zur örtlichen Notfallpraxis benannt – diese entstammen ganz überwiegend dem hausärztlichen Lager. Zusätzlich baten wir noch Kollegen, die sich während der 1. Welle als Leiter von Abstricheinheiten bewährt hatten, die Aufgabe des Pandemie-Beauftragten zu übernehmen. Es sind aber auch ein Nephrologe, zwei Chirurgen und ein Pädiater im Amt. Letztlich ist die Zuordnung zu einem Versorgungsbereich aber unerheblich – Hauptsache, die Aufgabe wird gemeistert.

In der Corona-Pandemie haben sich außergewöhnlich viele Frauen durch die Initiierung von Fieberambulanzen und Corona-Schwerpunktpraxen hervorgetan. Wie erklären Sie sich diesen neuen Trend?
Eine wissenschaftlich begründete Erklärung habe ich nicht. Vielleicht wurden steinzeitliche Instinkte reaktiviert. Die männlichen Vorfahren schweiften auf der Suche nach Nahrung in der Gegend umher, während die Frauen die Höhle organisierten und pragmatisch das Alltagsleben anpackten und ordneten. Inwieweit ich eine Fieberambulanz mit einer Höhle vergleichen kann, überlasse ich der Phantasie der Leser. 

Hausärzte in Abstrichstellen im Einsatz | Dr. Doris Reinhardt

Dr. Doris ReinhardtDr. Doris Reinhardt ist Vorstandsmitglied im Hausärzteverband Baden-Württemberg und Pandemiebeauftragte der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) im Ortenaukreis. 

Die KVBW hat mit Beginn der Corona-Pandemie mit strukturellen Versorgungskonzepten die niedergelassenen Ärzte, allen voran die Hausärzte bei der Patientenversorgung unterstützt. In der Umsetzung hat Doris Reinhardt als Pandemiebeauftragte der KV für den Ortenaukreis in enger Abstimmung mit dem Landkreis, Kliniken und Ärzteschaft im Krisenstab vertreten und immer wieder informiert.

„Wir haben Testkonzepte entwickelt, auch für Praxen, die selbst nicht testen, Betreu-Teams in Pflegeheimen initiiert und ein „coronamobil“ ergänzend zum Fahrdienst eingesetzt. Corona Ambulanzen seit April dezentral aufgebaut und nun wurde eine zentrale Abstrichstelle in Offenburg für asymptomatische Reiserückkehrer und LehrerInnen und ErzieherInnen, sowie Kontaktpersonen eingerichtet. Dies immer in enger Abstimmung mit den Versorgungsangeboten und Ressourcen der Praxen und Corona-Schwerpunktpraxen.

Ein Zwischenfazit lässt sich an der Stelle schon mal klar formulieren: vor allem die Hausärztinnen und Hausärzte mit den Kinderärzten leisten all diese Mehrarbeit. Und in den zusätzlichen Strukturen sind es wiederum vor allem die Hausärztinnen, die sich bereitwillig einbringen, kollegial abstimmen um all das neben Praxis und Familie zu ermöglichen. Eine Frauenquote von 80% bei diesen Zusatzdiensten zeigt, dass uns beim Thema Feminisierung in der Medizin nicht bange werden muss.“

Wie erleben Sie die Arbeit im Impfzentrum Stuttgart? | Dr. Thomas Heyer

Dr. Thomas Heyer ist Facharzt für Innere Medizin sowie Vorstandsmitglied im Hausärzteverband Baden-Württemberg. Er engagiert sich seit dem Jahreswechsel in einem Impfzentrum in Stuttgart. 

Wie stehen Sie als Hausarzt zur COVID-19-Impfung und warum?
Ich bin von der Impfung überzeugt, das Wirkprinzip ist sehr pfiffig und ich habe mich bereits selber impfen lassen. Die Impfung ist die einzige Möglichkeit, die Pandemie vorzeitig (im Laufe dieses Jahres) zu stoppen, dadurch Intensivpatient(inn)en und Todesopfer zu vermeiden und uns wieder ein normales gesellschaftliches Leben zu ermöglichen.

Wie erleben Sie die Arbeit im Impfzentrum? Wie ist die Arbeit organisiert und wie würden Sie die Atmosphäre im Team beschreiben?
Die Arbeit macht richtig Spaß. Die Organisation ist sehr gut und die Atmosphäre im Team ist sehr angenehm.

Was sind die häufigsten Fragen rund um die COVID-19-Impfung oder das Coronavirus, die Ihnen Patientinnen und Patienten im Impfzentrum stellen? Wo finde ich als Hausarzt oder Hausärztin Antworten auf diese Fragen?
Häufig wird gefragt, welcher Impfstoff verwendet wird, welche Nebenwirkungen auftreten können und welche Langzeitwirkungen zu erwarten sind. Zu Langzeitwirkungen und der Dauer des Impfschutzes liegen noch keine Daten vor. Deswegen ist jede Antwort oder Spekulation unseriös. Die Informationen erhalten wir Ärztinnen und Ärzte aus der Fachinformation und aus Erfahrungsberichten.

Welche Tipps oder Empfehlungen können Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen rund um die COVID-19-Impfung und die Arbeit in einem Impfzentrum mit auf den Weg geben?
Die Impfung ist sehr gut verträglich. Ich kann nur jedem raten, sich impfen zu lassen. Sehr wichtig ist es, die Impfungen auch in Hausarztpraxen zu ermöglichen, da die Durchimpfung der Bevölkerung dann viel schneller möglich ist. Jetzt bleibt uns nur die Hoffnung, dass die Impfungen auch funktionieren!