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Offener Brief: Maßnahmen und Strategien in der Corona-Pandemie

Liebe Medienvertreter,

die höchst unterschiedlichen und divergenten Entwicklungen und Aussagen rund um die Corona-Pandemie lassen uns dazu übergehen, unsere hausärztliche Expertise in den Diskurs der adäquaten Maßnahmen einzubringen und unsere Sicht darzulegen.

Hausärzte bilden das Rückgrat der Gesundheitsversorgung

Die Hausärztinnen und Hausärzte im Land bilden mit ihrer engagierten Arbeit das Rückgrat der Gesundheitsversorgung und sie übernehmen die Verantwortung für ihre Patientinnen und Patienten auch in Krisenzeiten. In Zeiten des Hausarztmangels in zahlreichen Regionen Baden-Württembergs haben viele von ihnen mit der Initiierung von Corona-Schwerpunktpraxen und Fieberambulanzen sogar grundlegend neue Aufgaben übernommen und sind dabei tragende Säulen der ambulanten Versorgung, in dem sie rund 85 Prozent aller Corona-Patienten auffangen. Hierdurch wird insbesondere der stationäre Bereich massiv entlastet.

Mit ihrem engagierten Handeln unter besonders herausfordernden Umständen erhalten die Hausarztpraxisteams bereits seit vielen Wochen die ambulante Versorgung der Patienten in Baden-Württemberg aufrecht. So kann ein wichtiger Beitrag zur Deeskalation der Corona-Pandemie geleistet werden.

Nun ist es aus unserer Sicht jedoch an der Zeit, die bestehenden Maßnahmen zu hinterfragen und auch Strategien für die Zukunft zu entwickeln.

Daher fordern wir:

1. Sinnvolles Testen, keine Massentests

Flächendeckende Abstrichtests für alle Personen verbrauchen zu viele Ressourcen und helfen nicht bei therapeutischen Entscheidungen. Die Forderung nach negativen Abstrichen zur Beendigung einer Quarantäne übersieht die Limitationen dieser Testung: Falsch negative Tests wiegen in falscher Sicherheit. Und auch ein positives Ergebnis ist nicht gleichzusetzen mit Infektiosität!

Wenn in der Bevölkerung die Durchseuchung noch sehr gering ist, werden Reihenuntersuchungen viele falsch positive Ergebnisse bringen, die Ressourcen verbrauchen, aber keine gesicherten Rückschlüsse zulassen. Patienten müssen entsprechend ihrer Symptomatik behandelt werden und hierfür gilt es, der hausärztlichen Expertise zu folgen.

Zudem ist aufgrund der fehlenden Testressourcen das Ansinnen flächendeckender Abstrichtests infrage zu stellen. Die Tests sollten insbesondere Kliniken bei der Aufnahme von Patienten vorbehalten sein, um adäquate Schutzmaßnahmen für Risikogruppen und das Personal frühzeitig einzuleiten. Zu untersuchen sind auch die im medizinischen Bereich Tätigen, um kranke Menschen vor Ansteckung zu schützen.

Die Wissenschaft und Politik benötigen Daten über die Verbreitung des Virus in der Bevölkerung. Wie bei der Influenza auch, können dies die Surveillance-Praxen, die bisher Influenza-Abstriche gemacht haben, leisten.

Tests nur im Krankenhaus oder für erkranktes med. Personal

 

2. Beendigung der Kontaktsperre für alle

Als Hausärzte haben wir inzwischen Erfahrung mit einem adäquaten Umgang während der Corona-Pandemie und wie das Ergebnis zeigt, sind wir darin erfolgreich. Aus unserer Sicht erscheint es daher nicht zu früh, über Kriterien für Öffnungen nachzudenken und die bisherigen Maßnahmen kritisch zu hinterfragen: Sind wirklich noch alle Maßnahmen für alle Personen verhältnismäßig?

Selbstredend gilt es, den Schutz der Risikogruppen (z. B. chronisch kranke Menschen, Hochbetagte über 75 Jahre, abwehrgeschwächte Menschen) weiterhin durch Kontaktbeschränkungen aufrecht zu erhalten, jedoch kann das nicht mit dem anhaltenden globalen Entzug der Freiheitsrechte aller einhergehen. Wir fordern daher eine sukzessive Öffnung unter dem besonderen Schutz der Risikogruppen.

Der hausärztliche Blick muss auch wieder auf andere, ebenfalls schwere Erkrankungen zu richten sein, die die deutsche Gesundheitsversorgung notwendigerweise beschäftigen. Patienten, die aus Furcht vor Ansteckung oder wegen gefühlter Ausgangssperren nicht mehr zum Arzt gehen, sind eventuell ein größeres Risiko für das deutsche Gesundheitswesen und unkalkulierbar. Der Gang in die Praxis muss wieder entängstigt werden und die Behandlung kranker Menschen sowie die vorbeugenden Leistungen müssen wieder angeboten werden können, ohne schlechtes Gewissen oder erhobenen Zeigefinger anderer.

Wir müssen daher gezielt die realen Risikogruppen identifizieren, aber die übrigen Bevölkerungsgruppen aus der Kontaktsperre nehmen, besonders Kinder, Schüler, Auszubildende und Studierende.

Kontaktsperre lockern – wir müssen uns wieder um alle kümmern können

 

3. Häuslicher Gewalt vorbeugen

Es mehren sich Berichte über Fälle von häuslicher Gewalt besonders gegen Frauen und Kinder. Auch hier stehen wir als Hausärzte zusammen mit den Kinderärzten in erster Reihe als Garanten für das Wohl unserer Patienten: Diese Isolation muss enden!

Kinder schützen  –  Gewalt vorbeugen

 

4. Schutz der vulnerablen Patientengruppen

Patienten, die in einem Pflegeheim, einer betreuten Einrichtung oder zu Hause gepflegt werden müssen, sind meist mehrfach erkrankt und in höherem Lebensalter sowie damit im Falle einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 besonders bedroht. Gleichzeitig müssen diese Patienten wegen Ihrer Grunderkrankungen weiter betreut werden. Zwangsregelungen aus der Politik sind aus unserer Sicht nicht zielführend. Lokale und regionale Maßnahmen müssen durch die Gesundheitsakteure geregelt werden.

Pflegeheim ist Hausarztsache

 

Wir erwarten von der Politik, dass sie konsequent die richtigen Maßnahmen ergreift und die Hausärztinnen und Hausärzte in ihrer Arbeit spürbar fördert und unterstützt.

Herzliche Grüße

Dr. med. Berthold Dietsche
Vorsitzender

Dr. med. Frank-Dieter Braun
2. Vorsitzender

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